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7 Fragen an Gert G. Wagner

Der Ökonom und Sozialwissenschaftler Gert G. Wagner ist Fellow am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Am 11. Oktober spricht er auf der Konferenz „Super-Scoring?“ über „Scoring ist kein neues Phänomen: Wir können aus Erfahrungen lernen, wie man mit Scoring umgeht“. Mit Sarah Sommer schrieb er ein Essay über „Eine kurze Geschichte des Scorings“ aus deutscher Sicht, hier geht es zum Essay (als PDF auf Englisch).

Wir haben Gert G. Wagner 7 Fragen zum Thema „Supersoring” gestellt. Unter „Superscoring“ verstehen wir die Zusammenführung und Verknüpfung personenbezogener Daten aus unterschiedlichen Lebensbereichen und Quellen zur algorithmischen Erstellung eines zusammenfassenden Funktionswerts, der übergreifend menschliches Verhalten bewertet soll.

1. Wie bewerten Sie Superscoring als gesellschaftspolitisches Steuerungsinstrument?

Gert G. Wagner: In einer freiheitlichen westlichen Gesellschaft ist Superscoring Unsinn bzw. wäre verantwortungslos. Wir agieren als Individuen in verschiedenen Rollen und das tut uns allen und der Gesellschaft gut. Die Chinesen werden sich auch noch umgucken: Wenn die „Besitzer“ von hohen Score-Werten begünstigt werden, werden Lug und Trug ausufern.

2. Worin und für wen sehen Sie die größten Chancen / die größten Risiken des Superscorings?

Gert G. Wagner: Chancen sehe ich gar keine, nur Risiken. Einerseits werden Menschen grundlos diskriminiert werden und andererseits werden Lug und Trug zunehmen, um sich gute Score-Werte zu erschleichen.

3. Mit welchen bestehenden Werten und Normen (Menschenbild) könnten Superscoring-Systeme in Konflikt geraten?

Gert G. Wagner: Nach Fehlern neu anzufangen würde schwerer bis unmöglich werden. Dies gilt ja bereits jetzt aufgrund des kollektiven Gedächtnisses, das das Internet darstellt. Und ohne Fehler zu vergessen, kann keine Gesellschaft funktionieren – weder im Kleinen noch im Großen. Und wenn Scores, die nur anhand bestimmter Verhaltensweisen
(z. B. Kredit-Zurückzahlung) berechnet werden, auf ganz andere Lebensbereiche angewendet werden, z. B. auf die Berechnung von Versicherungsprämien, dann führt das in vielen Fällen, wenn nicht den meisten, zu völlig ungerechtfertigter Un-Fairness und Diskriminierung.

4. Wie verändern sich Superscoring-Prozesse durch den Einsatz von Digitaltechnologien (Smartphone-Tracking, Gesichts- und Stimmerkennung usw.)?

Gert G. Wagner: Die neuen Digitaltechnologien verbessern – gewissermaßen rein rechnerisch – die Möglichkeiten Super-Scores zu berechnen. Dadurch werden die Probleme von Un-Fairness und Diskriminierung aber keineswegs kleiner – zumal auch die Möglichkeiten für Lug und Trug steigen.

5. Wie bewerten Sie das Zusammenspiel von Digitalwirtschaft und Politik bei einer möglichen Implementierung von Superscoring? Und dies auch auf internationaler Ebene?

Gert G. Wagner: Das überblicke ich nicht. Für westliche Gesellschaften sehe ich das von Ihnen unterstellte Zusammenspiel von Digitalwirtschaft und Politik nicht. Bin ich da naiv?

6. Welche Aspekte des Superscoring sollten Ihrer Meinung nach im Rahmen von konkreten Bildungsmaßnahmen behandelt werden? Wo würden Sie ansetzen?

Gert G. Wagner: Superscoring droht uns ja nicht. Aber über das gewissermaßen normale Scoring, etwa zur Kreditwürdigkeit oder Personalrekrutierung und ‑beurteilung wissen die Leute auch viel zu wenig. Aus meiner Sicht wäre es wichtig, an der Basis des Wissens anzusetzen und Schülerinnen und Schülern besser beizubringen, was Statistiken bedeuten. Etwa im Bereich der Medizin, wo ja auch „gescort“ wird, um Erkrankungsrisiken vorherzusagen. Was bedeutet es, wenn z. B. gemeldet wird, dass eine bestimmte Ernährungsgewohnheit das Risiko für Darmkrebs um 30 Prozent steigen lässt. Stirbt dann fast ein Drittel der Leute daran? Was mancher glaubt. Oder steigt das Risiko, zum Beispiel für Männer, in einem Jahr an Darmkrebs zu erkranken, von 0,7 Promille (72 von 100.000) auf 1 Promille? Auch sollten wir alle wissen, was die Fehler der ersten und zweiten Art sind. Fehler erster Art ist das Übersehen eines Problems, etwa wenn ein Test nicht zeigt, dass man erkrankt ist. Fehler der zweiten Art heißt, dass man zum Beispiel fälschlich als erkrankt eingestuft wird – oder vom Superscore fälschlich als unsozial gebrandmarkt wird. Oft sind vom Fehler der zweiten Art viel mehr Menschen betroffen als vom Fehler der ersten Art. Dieses Basiswissen sollten wir künftig allen Schülerinnen und Schülern beibringen – und per Nachhilfe uns allen!

7. Welche Aspekte des Superscorings sind Ihrer Ansicht nach in der öffentlichen Diskussion noch unterrepräsentiert? Welche Fragen würden sich Ihnen noch stellen?

Gert G. Wagner: Unterrepräsentiert bzw. nicht vorhanden ist das Wissen um die Interpretation von Statistiken. Siehe meine Antwort auf Ihre Frage 6. Dieses Un-Wissen ist in Deutschland viel gefährlicher als die verschwindend geringe Gefahr, dass wie in China ein staatlicher Super-Score eingeführt werden wird. Und selbst die Gefahr, dass Privatfirmen so etwas wie einen Super-Score entwickeln werden, halte ich für sehr gering. Denn die Firmen wissen entweder bereits, was der Fehler der zweiten Art ist! Oder sie werden es schnell lernen, wenn Sie zum Bespiel massenweise Kunden vergrätzen.